Wasserblüte (Rote Tide)

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therapie prophylaxe komplikationen meldepflicht



WASSERBLÜTE (ALGENPEST, ROTE TIDE)

Dinoflagellaten (Pyrrhophyta - Panzergeißler) sind einzellige Organismen, die nach den Diatomeen (Kieselalgen) die zweitwichtigste Gruppe des Phytoplanktons im Meer bilden. Sie kommen im Süß- und Salzwasser vor. Arten vieler Gattungen verfügen über teilweise bizarre Panzer (Theka), oft sind Schwebefortsätze ausgebildet. Eine Massenentwicklung (Algenblüte) bestimmter Dinoflagellatenarten kann zu der gefürchteten Roten Tide führen, wobei das Wasser wegen der großen Menge an gebildeten Karotinoiden rot bzw. orange gefärbt wird. In dieser Phase werden Gifte produziert und angereichert, die zu den stärksten dem Menschen bekannten Substanzen gehören. Diese schädliche Algenblüte (US-Englisch: HAB – Harmful Algae Bloom) beeinträchtigt und gefährdet die menschliche Gesundheit, das Leben in freier Wildbahn, marine ökosysteme, das Fischereiwesen, die Litorale und damit letztendlich die ökonomie, u.a. auch die Tourismus- und Freizeitindustrie. Der entstehende finanzielle Schaden ist beträchtlich.

Zugehörige Arten sind z.B. Nocticula spp., Ceratium spp., Gonyaulax spp., Pfiesteria spp. Hauptsächlicher Vermehrungsmodus ist die asexuelle Teilung, einige Arten können sich auch geschlechtlich vermehren oder bei knappem Nahrungsangebot als Zyste persistieren.

Manche Experten sind der Meinung, daß Algenblüten an Häufigkeit und Komplexität zunehmen. Ausbrüche dieser Art seien früher nur entlang bestimmter Küstengebiete in Europa und den USA zu beobachten gewesen, heute finden sie weltweite Verbreitung. Für die weltweite Ausbreitung der Roten Tide gibt es drei Erklärungen:
- Die Algen werden mit dem Ballastwasser der Schiffe fortgetragen
- Meeresströmungen transportieren Algenpopulationen, welche neue Kolonien bilden
- Umweltschadstoffe können im Wasser als Nährstoffe dienen.

Auf die Algenblüte wirken sich der Nährstoffüberschuß auf Grund von Einträgen aus der Landwirtschaft sowie die Umweltverschmutzung (z.B. anorganische Nitrate, Phosphate, Abwässer), niedriger Salzgehalt des Wassers, geringe Meeresströmung, geringe Wasserbewegung und meteorologische Bedingungen (erhöhte Wassertemperatur, Sonneneinstrahlung) wachstumsfördernd aus. Außerdem sind geschützte Küstengebiete mit Flußmündungen die „Kinderstube“ für viele Fischarten, die hier ihre Laichplätze haben.

Gefährdet sind vor allem die Fischbestände und bestimmte Mammalia wie Buckelwale, Flaschennasendelphine und Seekühe. Der Verzehr von vergifteten Schalentieren (z.B. Venusmuscheln, Mies- und Flußmuscheln, Austern oder Kammuscheln) kann beim Menschen zu schweren Erkrankungen oder sogar zum Tode führen. Weiterhin können Erscheinungen wie die durch die Wellenbewegung ausgelöste Bildung toxischer Aerosole zu respiratorischen, dem Asthma ähnlichen Erscheinungen führen. Es sind aber keine Studien über die langfristigen Auswirkungen inhalierter, von Algen stammenden Neurotoxinen vorhanden. Auch die langfristigen Effekte einer akuten Exposition von Touristen nach dem Verlassen betroffener Gebiete sind nur schwer abzuschätzen.

Erkrankungen, die mit der Roten Tide verbunden sein können, resultieren primär aus dem Konsum von Meeresfrüchten, die mit den Toxinen der giftigen Planktonalgen belastet sind. Die größte Gefahr geht von Schalentieren aus (Austern, Venusmuscheln, Kammuscheln, Mies-, Flußmuscheln etc.), die als Planktonstrudler das Gift speichern. Fische, Langusten, Garnelen, Krabben und Krebse sind normalerweise eßbar. Bei größeren Meerestieren wie Riff-Fischen (Makrelen, Muränen, Barrakudas) oder Schnecken (Mondschnecke, Wellhornschnecke) kann das Gift über die Nahrungskette angereichert werden. Die Toxizitätsgrenze liegt bei 80 µg / pro 100 g eßbarer Rohmasse Meeresfrucht.

Die bedeutendsten durch Algentoxine hervorgerufenen Krankheitsbilder sind:

- Ciguatera - (CSP – Ciguatera Fish Poisoning)
- Amnesie – (ASP – Amnesic Shellfisch Poisoning)
- Diarrhoe – (DSP – Diarrhetic Shellfish Poisoning)
- Nervenschädigung - (NSP – Neurotoxic Shellfish Poisoning)
- Paralyse – (Paralytic Shellfish Poisoning)
- Asthma-ähnliche Erkrankung / Hauterkrankungen (PEAS – Possible Estuary Associated Syndrome)


Ciguatera - (CSP – Ciguatera Fish Poisoning)

Verursachende Organismen sind Gambierdiscus toxicus, Prorocentrum spp., Ostreopsis spp., Coolia monotis, Thecadinium spp und Amphidinium carterae. Ciguatera auslösende Toxine finden sich hauptsächlich bei Fischen, die in den Korallenriffen tropischer Gewässer leben. Nach dem Verzehr entsprechender Meeresfrüchte treten gastrointestinale und kardiovaskuläre Symptome sowie neurologische Dysfunktionen auf. Leitsymptom ist das umgekehrte (inverse) Temperaturempfinden. Weiter Symptome sind: Muskelschmerzen, Benommenheit, Angstgefühl, Transpiration, Taubheit und Kribbeln des Mundes sowie der Digitae. Selten kommt es zu Paralysen und Todesfällen. Meist ist die Symptomatik aber nur gering ausgeprägt. Die Rekonvaleszenz kann Wochen, Monate oder Jahre andauern. Vereinzelt treten chronische Schädigungen auf.


Amnesie – (ASP – Amnesic Shellfish Poisoning):

Diese Form der Vergiftung ist die gefährlichste ihrer Art und kann lebensbedrohlich werden. Sie wird hervorgerufen durch Gattungen der Art Pseudonitzschia spp. Innerhalb von 24 Stunden nach dem Konsum entsprechender Schalentiere entwickelt sich eine Gastroenteritis. In schweren Fällen kommen innerhalb von 48 Stunden auch noch neurologische Phänomene (Benommenheit, Cephalgie, Krämpfe, Desorientiertheit, Verlust des Kurzzeitgedächtnisses, Atemprobleme, Koma) hinzu. Besonders gefährlich ist die Intoxikation für ältere Personen: Die Symptome können denen von Alzheimer-Patienten gleichen.


Diarrhoe – (DSP – Diarrhetic Shellfish Poisoning)

Verursacher sind Organismen wie Dinophysis spp. Die Vergiftung fällt primär als milde gastrointestinale Unpäßlichkeit auf. Innerhalb von 30 min. bis zu einigen Stunden nach dem Verzehr von infizierten Schalentieren beginnen Diarrhoe, Nausea, Erbrechen, Abdominalkrämpfe und Schüttelfröste. Die Rekonvaleszenz erfolgt meist innerhalb von drei Tagen, unabhängig davon, ob der Patient behandelt wurde oder nicht..


Nervenschädigung - (NSP – Neurotoxic Shellfish Poisoning)

Eine neurotoxische Variante der Vergiftung durch die Rote Tide wird von der Alge Gymnodinium breve ausgelöst. Das Syndrom verläuft weniger schwer als Ciguatera, ist aber dennoch nicht weniger nervenschädigend. Die nach oraler Aufnahme entsprechender Meeresfrüchte hervorgerufenen Symptome ähneln sehr stark denen der Ciguatera. Hier stehen jedoch die neurologischen und gastrointestinalen Erscheinungen im Vordergrund. Zusätzlich kann die durch die Wellenbewegung verursachte Bildung toxischer Aerosole bei Inhalation zu respiratorischen, dem Asthma nicht unähnlichen Erscheinungen führen. Todesfälle sind nicht bekannt. Im Gegensatz zu Ciguatera erholen sich die Patienten meist innerhalb weniger Tage.


Paralyse – (Paralytic Shellfish Poisoning)

Primär verantwortlich für diese Form der eventuell lebensgefährlichen Vergiftung ist der Dinoflagellat Alexandrium catenella aber z.B. auch Gonyaulax tamarensis. Ersterer tritt vorwiegend im Nordwestpazifik und vor der Küste Alaskas auf. Abhängig von der Menge des aufgenommenen Giftes entwickelt sich die Symptomatik innerhalb von 30 min. bis zu zwei Stunden. In nicht tödlichen Fällen halten die Erscheinungen wenige Tage an. Kribbeln, Taubheit, Verlust der muskulären Kontrolle, Benommenheit, Somnolenz, Fieber, Hautausschlag und Gangunsicherheit sind typische Symptome. Sie werden durch den Konsum von Alkohol zusätzlich verstärkt.. In sehr schweren Fällen kommt es innerhalb von 24 Stunden zum Atemstillstand.


Asthma-ähnliche Erkrankung / Hauterkrankungen

Bei den Dinoflagellaten der Gattung Pfiesteria spp. (z.B. Pfiesteria piscicida, Pfiesteria shumwayae) und der Pfiesteria ähnlichen Organismen sind die vermuteten Giftstoffe bis heute nicht analysiert. Durch Wind- und Wellenbewegung wird die Bildung toxischer Aerosole ausgelöst. Diese führen zu respiratorischen, dem Asthma gleichenden Symptomen, dem Morbus Alzheimer ähnlichen mentalen Störungen (Gedächtnisverlust, Lernschwierigkeiten, Verwirrtheit, Vertigo, Cephalgie, verlangsamte Denkprozesse), Hautreizungen an Armen und Beinen (vorwiegend bei Fischern), die durch den Kontakt mit den Algen hervorgerufen werden. Ein Aufenthalt in diesen Gegenden (Pfiesteria im Küstenbereich von Delaware bis North-Carolina, Pfiesteria ähnliche Algen bis in den Golf von Mexiko) sollte bei dem Auftreten einer Algenblüte daher vermieden werden. Auch ein allgemeines Fischsterben wird mit dem Auftreten dieser Algen in Verbindung gebracht. Vermutlich orientieren sich die Algen an Stoffen, von Fischen mit den Exkrementen abgesetzt werden. Zunächst injizieren die Algen ein paralysierendes Neurotoxin. Anschließend perforieren sie die Körperoberfläche und schädigen die Zelltextur.



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Die verschiedenen Toxine sind hitzestabil und können auch durch andere Arten der Zubereitung nicht inaktiviert werden. Den Tieren ist auch nicht anzusehen, bis zu welchem Grade sie oder ob sie überhaupt vergiftet sind. Intoxikationen kommen meistens lokal gehäuft vor. Die Einheimischen behandeln Vergiftungen mit traditionellen, naturheilkundlichen Mitteln. Ein spezifische Therapie ist nicht bekannt, so daß sich die Behandlung an den Symptomen orientiert (Auspumpen des Magens, Hämoperfusion, Infusion von Natriumbikarbonat, künstliche Beatmung, Spasmolytika, Analgetika, Antihistaminika, Antiemetika, Atropin, Dopamin, Flüssigkeits- und Elektrolytgabe, Mannitinfusion, Benzodiazepine, Amitryptilin). Prophylaktisch ist ein genereller Verzicht auf den Genuß von Meeresfrüchten schwer durchzuhalten. Wichtig ist aber, sich kundig zu machen, ob in letzter Zeit in der besuchten Region Vergiftungsfälle aufgetreten sind, um ein entsprechendes Eßverhalten an den Tag legen zu können. Bei Anzeichen für eine Vergiftung sollte unverzüglich medizinischer Rat eingeholt werden.


Erstellt am 12.5.2015 - ©2002 DRTM/MTTS