Affenpocken

verbreitung erreger inkubationszeit präpatenz
patenz symptomatik übertragung diagnostik
therapie prophylaxe komplikationen meldepflicht


Synonym(a)

humane Affenpocken, engl. monkeypox

Erreger

Familie Poxviridae, Subfamilie Chordopoxvirinae, Genus Orthopoxvirus. Synonyme sind Orthopoxvirus simiae und Affenpockenvirus. Das Genom besteht aus dsDNA mit kovalent verbundenen Enden. Die charakteristische Struktur im negativ kontrastierten EM-Bild ist ein Artefakt mit diagnostischer Bedeutung.

Verbreitung

Das natürliche Vorkommen der Affenpocken (enzootisch) beschränkt sich auf einige endemische Cluster in den tropischen Regenwaldgebieten Zentral- und Westafrikas (Sierra Leone, Liberia, DR Kongo mit 95% der Fälle, Elfenbeinküste, Kamerun, Nigeria, Gabun). Die Affenpocken traten auch in Europa (Niederlande, Dänemark) und den USA, allerdings bisher nur bei importierten Affen, auf. Die ersten menschlichen Infektionen mit Affenpocken außerhalb Afrikas gab es im Juni 2003 in den USA, wobei die Ansteckung zumeist über Tiere (Präriehunde) erfolgte und das Virus höchstwahrscheinlich durch eine als Haustier genutzte Rattenart aus Afrika eingeschleppt wurde.

Übertragung

Menschliche Infektionen mit dem Affenpockenvirus können durch Tierbiss, Kontakt mit offenen Tierwunden oder den Körperflüssigkeiten von infizierten Tieren und über die Nahrungsaufnahme (infiziertes Affenfleisch) erfolgen. Affenpockenviren gelten im Vergleich zu den echten Pocken als relativ gering kontagiös. Übertragung von Mensch zu Mensch ist sekundär, oft als Tröpfcheninfektion, möglich (meist 10 bis 30%). Empfänglich sind alle Altersgruppen und beide Geschlechter gleichermaßen. Kinder und Jugendliche (geboren nach 1980) sind besonders disponiert (ungeimpft) und offenbar stärker exponiert (Spiel mit infizierten Wirtstieren).

Entwicklungzyklus, Pathogenese:
Das Reservoir besteht aus Hörnchenarten (Genus Funisciurus und Heliosciurus) und Nagern (Ratten, Mäuse, Erdhörnchen). Affen stellen wahrscheinlich Fehlwirte dar. Der Krankheitsverlauf ist deutlich milder und die Ansteckungsgefahr geringer als bei den echten Pocken. Eine Infektiosität bei infizierten Personen besteht während der gesamten Krankheitsdauer bis zum Abfall der Krusten und vollständigen Abheilung der Läsionen analog zu den Pocken, d.h. für etwa 2 bis 3 Wochen. Mit dem Auftreten typischer Effloreszenzen sind höchste Viruskonzentrationen in der Vesikelflüssigkeit (kontaktive Übertragung) nachweisbar, die Krusten sind ebenfalls infektiös (Staub-/ Aerosolinfektion). Die Vermehrung der Monkeypox Viren findet im Zytoplasma statt.

Inkubationszeit

7 - 21 Tage (meist 10 - 14 Tage)

Symptomatik

Die Symptomatik ist ähnlich wie bei den echten Pocken. Leitsymptome sind: plötzliches Fieber (38,5 bis 40,5°C) mit rascher Entwicklung von Enanthem und Läsionen im Oropharynx, Lymphknotenschwellung (ca. 87% der Patienten) und pockenähnliches Exanthem (uniformes Auftreten nur einer Effloreszenzart z.B. Bläschen oder Pusteln).
Der Verlauf beginnt mit dem präeruptiven Stadium. Typisch ist plötzlich einsetzendes Fieber (am zweiten Tag 38,5 bis 40,5°C) mit starken Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Halsschmerzen, Husten, Unwohlsein und Prostration und z.T. Durchfall. Häufig treten Lymphknotenschwellungen (Lymphadenopathie, zervikal, inguinal) vor Beginn des Exanthems auf.
Nach ca. drei Tagen beginnt das eruptive Stadium normalerweise mit typischem Enanthem (Oropharynx) und Exanthem im Gesicht, an den Händen, Unterarmen mit zentripetaler Ausbreitung über den Körper und nachfolgender Entwicklung von Rötungen und pockentypischen uniformen Effloreszenzstadien (Makula, Bläschen, Pusteln und Krusten). In 20% der Fälle entsteht ein polymorphes Exanthem ähnlich wie bei Varizellen.
In der letzten Phase heilen die Läsionen nach Austrocknung und Desquamation mit Narbenbildung ab.
Gegen echte Pocken Geimpfte entwickeln weniger Effloreszenzen als nicht geimpfte Personen. In der Regel ist der Fieberverlauf biphasisch mit einem ersten Gipfel in den ersten 3 bis 4 Krankheitstagen. Anschließend kommt es zu einem Abfall auf unter 38 C und einem Wiederanstieg zumeist um den 5. bis 6. Tag bei Übergang in das Pustelstadium.
Bei nicht Geimpften erscheinen häufig Ulzerationen auf den Schleimhäuten der Mundhöhle mit Pharyngitis und Tonsillitis, Konjunktivitis mit Lidödem sowie sehr schmerzhafte Läsionen im Genitalbereich. Milde Verlaufsformen mit weniger als 10 Pockeneffloreszenzen sind beobachtet worden. Das Auftreten von subklinischen Infektionen wird diskutiert. Der klinische Laborbefund ist wenig aussagekräftig.

Komplikationen

Selten treten Erblindung und entstellende Narben als Dauerschäden auf. Schwerste, tödlich verlaufende hämorrhagische Formen sind ebenfalls sehr selten.

Prognose

Insgesamt ist die Prognose als günstig zu bewerten, jedoch sind Kinder mehr gefährdet, als Erwachsene. Letale Verläufe wurden meist nur bei Kindern unter 8 Jahren innerhalb von drei Wochen beobachtet. Die Sterblichkeitsrate beträgt 2 bis 10%.

Diagnostik

Das Affenpockenvirus gehört zur Risikogruppe 3. Der Umgang mit vermehrungsfähigem Virus ist aus diesem Grund an virologische Laboratorien der biologischen Sicherheitsstufe 3 gebunden.
Der Nachweis ist in folgenden Probenmaterialien möglich:
Vesikel- und Pustelinhalt, Krusten, Blut und Rachenabstriche von der Ulcera.
Virusnachweis:
- Elektronenmikroskopie (ca. 98,6% positiv, nicht differenzierend)
- Verimpfung auf die Chorioallantois Membran (90% positiv), (differenzierend)
- Zellkultur z.B Vero (nicht differenzierend)
- DIFT (nicht differenzierend)
- genus- und speziesspezifischer ELISA
- genus-und speziesspezifische PCR,
Antikörpernachweise:
- nicht differenzierende ELISA
- nicht differenzierender Plaque- Reduktionstest
- HIT

In Deutschland ist in verschiedenen Laboratorien spezielle Pockenvirusdiagnostik möglich:

Elektronenmikroskopie Konsiliarlabor
Robert Koch-Institut, Berlin,
Dr. Hans Gelderblom
Nordufer 20
13353 Berlin
Tel.: 030-4547-2337; Fax: -2605

Spezialisierte Diagnostik mit Anzucht auf CAM, Plaque-Reduktionstest, HIT, ELISA und molekularbiologischen Verfahren (PCR), Serodiagnostik:

Konsiliarlabor für Pockenviren
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Epidemiologie von Infektionskrankheiten an der Ludwig-Max-Universität;
Veterinärstr. 13
80538 München
Prof. Dr. O. R. Kaaden
Tel.: 089/ 2180-2528, FAX: -2597

Tiergesundheitsdienst Bayern e.V., Zentralinstitut
Gerauer Str. 23
85586 Poing
PD Dr. Claus-Peter Cerny
Tel.: 089 / 9091- 220, FAX: 202

Institut für Mikrobiologie an der Sanitätsakademie der Bundeswehr (L 2)
Neuherbergstr. 11
80937 München
OFV PD Dr. Hermann Meyer
Tel.: 089 / 3168-2806, FAX: -3829

Medizinisches Institut für Umwelthygiene
Auf`m Hennekamp 50
40225 Düsseldorf
Dr. Jürgen Pilaski
Tel.: 0211 / 3389-0/ FAX –245

Konsiliarlabor für Importierte Viruskrankheiten
Bernhard-Nocht-Institut
Bernhard-Nocht-Str. 74
20359 Hamburg
Prof.Dr. Herbert Schmitz
Tel. 040 / 31182-460, FAX: -400

Differentialdiagnose

Präeruptives Stadium: Virusgrippe, Typhus abdominalis, Leptospirose, VHF
Exanthematisches Stadium: Windpocken, Zoster, Scharlach, Masern, Tanapox-Infektion, Syphilis, Scabies, allergisches Exanthem

Therapie

Die Therapie ist symptomatisch und supportiv (Unterbinden bakterieller Sekundärinfektionen).

Prophylaxe

Hauptsächlich Vermeiden von Kontakt zu erkrankten Tieren. Hierbei ist auf strikte Hygiene zu achten. Indexpatienten sollten nach Exposition für die Dauer von mindestens einer Inkubationszeit von 17 (bis21) Tagen abgesondert werden. Nach Krankheitsbeginn sollte eine Isolierung bis zur vollständigen Ausheilung der Läsionen (bis zu 3 Wochen) erfolgen.

Immunisation

Aufgrund der Kreuzimmunität wäre bei nicht gegen Pocken Geimpften eine Gabe von Human-Vaccinia-Immunglobulin 0,6 ml/kg i.m. sofort oder 24 Stunden nach Exposition als Postexpositionsprophylaxe möglich. Die Effektivität und die Risiken der passiven Immunprophylaxe oder einer ebenfalls denkbaren Inkubationsimpfung mit Vacciniavirus in den ersten 3-4 Tagen nach Infektion (analog zu Pocken) sind ungewiss.
Impfstoffe sind zur Zeit in Deutschland nicht zugelassen.


Erstellt am 12.5.2015 - ©2002 DRTM/MTTS