Yersiniose

verbreitung erreger inkubationszeit präpatenz
patenz symptomatik übertragung diagnostik
therapie prophylaxe komplikationen meldepflicht


Krankheitsnamen:
Yersiniose, Pseudotuberkulose, Enterokolitis, Yersiniosis, Pseudotuberculosis, Enterocolitis, Far East scarlatinoid fever, Izumi fever.

Erreger

Yersinia pseudotuberculosis und Yersinia enterocolitica, Stäbchenbakterien, zahlreiche humanpathogene Serogruppen, Familie Enterobacteriaceae, aerob, fakultativ anaerob, gramnegativ, bilden keine Sporen, einige Serogruppen produzieren hitzestabile Enterotoxine.

Verbreitung

Weltweit, häufiger in der nördlichen Hemisphäre (z.B. Europa, Japan) in den Wintermonaten. In Deutschland sind Yersinien die dritthäufigste Ursache für bakteriell bedingte Durchfallerkrankungen.

Entwicklungszyklus:
Y. pseudotuberculosis und Y. enterocolitica sind relativ resistent gegenüber Umwelteinflüssen und können sich bei Temperaturen über 18 Grad Celsius im Wasser sehr gut vermehren. Darüber hinaus sind beide Arten, besonders Y. enterocolitica, psychrophil, d.h. sie können sich auch noch bei 0 bis 4°C vermehren (z.B. Lagerung von Schweinefleisch im Kühlschrank). Im Boden bleiben die Bakterien über viele Monate infektiös. Beide Arten besitzen ein breites Wirtspektrum (Vögel und Säugetiere). Als Reservoir für Y. pseudotuberculosis gelten meist Nagetiere, Hasenartige und Wildvögel und für Y. enterocolitica meist Schweine, Hunde und Katzen. Subklinische Verlaufsformen treten häufig bei Infektionen mit Y. enterocolitica beim Schwein auf, die Tiere erkranken selten (asymptomatischer Verlauf) und scheiden den Erreger mit dem Kot aus. Schweine stellen das bedeutendste Reservoir für Y. enterocolitica dar. Bei Nagetieren und Vögeln kann Y. pseudotuberculosis ein der Tuberkulose ähnliches Krankheitsbild hervorrufen. Besonders empfänglich sind Meerschweinchen und Ratten (Rodentiose), Hasen und Puten. Aber auch bei anderen Tieren (Kaninchen, Chinchilla, Nutria, Nerz, Hausgeflügel, Kanarienvogel, Fuchs, Reh) kann Y. pseudotuberculosis ein der Tuberkulose ähnliches Krankheitsbild hervorrufen. Infektionen bei den klassischen Haussäugetieren sind sehr selten. Der Hund wird gelegentlich als Vektor zwischen Umwelt und Nager, sowie zwischen diesen und dem Menschen angesehen. Durch die ca. drei Wochen andauernde Erregerausscheidung mit dem Kot infizieren sich in Gruppen gehaltene Hunde gegenseitig, wobei die Tiere nach überstandener Erkrankung gegen eine erneute Infektion geschützt sind. Die meisten Erkrankungen bedingt durch beide Arten beim Menschen treten in den Wintermonaten auf, wahrscheinlich aufgrund der Häufung der Infektion bei Tieren in dieser Zeit oder aber durch bessere Anpassung an niedrigere Temperaturen. Männer erkranken dreimal häufiger als Frauen. 3/4 der weltweiten Infektionen mit Y. pseudotuberculosis kommen bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 5 und 20 Jahren vor. Demgegenüber kommen 2/3 der Infektionen mit Y. enterocolitica bei Säuglingen und Kleinkindern vor. Die Bedeutung von Y. enterocolitica als Erreger für nahrungsmittelbedingte Infektionen ist deutlich größer als die von Y. pseudotuberculosis.


Übertragung

meist fäkal-oral über kontaminierte Nahrungsmittel (insbesondere nicht ausreichend erhitztes Fleisch, oft vom Schwein) oder Wasser. Infektionen über direkten Kontakt mit Haustieren spielen wahrscheinlich nur eine untergeordnete Rolle. Nosokomiale Infektionen und solche über Blutprodukte (als Ursache transfusionsassoziierter Septikämien mit überwiegend tödlichem Ausgang, meist bei Erythrozytenkonzentraten) wurden gelegentlich nachgewiesen. Schmierinfektion über kontaminierte Oberflächen sind wahrscheinlich, jedoch ist die Bedeutung als Übertragungsweg nicht ganz klar.

Inkubationszeit

Y. pseudotuberculosis meist 7 bis 21 Tage
Y. enterocolitica meist 4 bis 7 Tage

Symptomatik

Die durch beide Erregerarten verursachten Erkrankungen (meist Dünndarmerkrankungen mit Befall der Lymphknoten) können asymptomatisch oder unter klinisch weitgehend gleichen Symptomen auftreten. Lediglich in der Häufigkeit einzelner erregerabhängiger Krankheitsverläufe sowie in der Alters- und Geschlechtsdisposition bestehen Unterschiede.
Nach oraler Infektion kommt es zu einer akuten Enteritis oder Enterokolitis, deren Dauer zwischen wenigen Tagen bis Wochen variieren kann. Klinisch treten Durchfall (meist bei Kleinkindern), Pseudoappendizitis (meist bei Erwachsenen), kolikartiger Bauchschmerz aufgrund akuter mesenterialer Lymphadenitis, akute terminale Ileitis, Fieber, Übelkeit, blutiger Stuhl sowie Entzündungen im Halsbereich (Pharyngitis) auf. Y. enterocolitica führt eher zu einem gastroenteritischen Krankheitsbild mit Durchfall, während Y. pseudotuberculosis häufiger das Bild einer Pseudoappendizitis ohne Durchfall zeigt. In Verbindung mit schweren Grunderkrankungen (z.B. Krebs, Diabetes mellitus) oder mit Immunschwächen kann es noch während der Infektion zu Septikämien, zur Entstehung einer Osteomyelitis oder zu Leberabszessen kommen. Das Krankheitsbild kann unter den Anzeichen einer Darmentzündung (Enteritis) auch als scheinbare Blinddarmentzündung (häufiger bei Y. pseudotuberculosis) oder mit den Symptomen eines Morbus Crohn auftreten.
Aus Japan wurde im Zusammenhang mit Infektionen von Y. pseudotuberculosis das Izumi-Fieber beschrieben, welches sich als ein Syndrom mit mehr systemischen Symptomen zeigt. Es ist charakterisiert durch einen Scharlach-ähnlichen Ausschlag und weitere Symptome, die denen des Kawasaki-Syndroms ähneln (z.B. Koronararterien-Aneurysma; Aneurysma: krankhafte, örtlich begrenzte Erweiterung einer Arterie).
Aus Russland wurden darüber hinaus das sogenannten Fernöstliche Scharlach-ähnliche Fieber (Far East scarlatinoid fever) ebenfalls im Zusammenhang mit Infektionen mit Y. pseudotuberculosis beschrieben. Hierbei kommt es neben weiteren Symptomen auch zu einem Scharlach-ähnlichen Ausschlag, meist an Kopf und Nacken und den Extremitäten.

Komplikationen

Komplikationen sind selten. Möglich sind Arthritis, Erythema nodosum (fast nur bei Frauen), Thyreoiditis, Glomerulonephritis, Myokarditis, Uveitis, Konjunktivitis, Urethritis, Iritis und Reiter-Syndrom (nahezu ausschließlich bei Erwachsenen; entzündliche Systemerkrankung; gemeinsames Auftreten von Arthritis, Konjunktivitis, Urethritis sowie Hautveränderungen).

Prognose

Viele der Infektionen sind selbstlimitierend, die Sterblichkeit ist normalerweise sehr gering. Bei septischen Formen oder solchen mit systemischen Erscheinungen kann die Sterblichkeit jedoch trotz Antibiotikatherapie bis zu 75 % betragen.

Diagnostik

pathologisch-anatomische Verdachtsdiagnose: multifokale grau-weiße Knötchen mit verkästem Inhalt in Leber, Milz und Teilen des Gastrointestinaltraktes.
Erregernachweis kulturell möglich aus Stuhl, Venenblut, Pharyx-Exsudate, Zerebrospinal-, Peritoneal- und Synovialflüssigkeit und aus Organen (Biopsie). Die Kultur aus Stuhl kann schwierig sein, da die Erreger nur langsam wachsen und andere Organismen der Stuhlflora deutlich schneller wachsen.
Nachweis von Serokonversion durch Agglutinationstest bzw. durch indirekte Hämagglutination oder ELISA, IgA-ELISA bei Verdacht auf Folgeerkrankung, Antikörper (gegen die O Antigene) sind nachweisbar kurz nach den ersten Symptomen bis zu zwei bis sechs Monate später, Kreuzreaktionen mit Antikörpern gegen andere Organismen sind möglich (z.B. Yersinia, Vibrio, Salmonella, Brucella und Rickettsia), DNA Nachweis durch PCR ist auch möglich.

Differentialdiagnose

Am bedeutendsten ist die Unterscheidung zu anderen Gastroenteritiden und mesenterischen Lymphadenitis-Syndromen. Jedoch sollten bei systemischen Verläufen und bei anderen Komplikationen weitere Erkrankungen bedacht werden (z.B. Erythema nodosum, jugendliche rheumaähnliche Arthritis, Appendizitis, Clostridium difficile Kolitis, Crohn Krankheit, Erythema Multiforme (Stevens-Johnson Syndrom), Kawasaki Syndrom, Leptospirose, Neutropenische Enterokolitis, Akute Pankreatitis, Sarkoidose, Staphylococcus Infektionen, Toxic Shock Syndrome, Typhus, Ulzerative Kolitis, Tuberkulose, Tularämie und Kokzidiose).

Therapie

Meist nur Symptomatisch. Da die meisten Fälle der Yersiniose selbstlimitierend sind, ist oftmals keine spezifische Therapie erforderlich. Bei größeren Flüssigkeitsverlusten aufgrund stärkerer Durchfälle eventuell Gabe von Elektrolyten. Behandlung mit verschiedenen Antibiotika sollte nur bei schweren Fällen zur Anwendung kommen. Sinnvoll sind beispielsweise Tetracyclin, Cotrimoxacol, Chinolon, Ciprofloxacin, Levofloxacin, Doxycyclin, Streptomycin, Gentamycin, Tobramycin, Chloramphenicol und Cephalosporine der dritten Generation.

Prophylaxe

Allgemein: Verzicht auf den Verzehr nicht ausreichen erhitzter Nahrungsmitteln und unpasteurisierter Milch, nur einwandfreies Trinkwasser nutzen, persönliche Hygiene (z.B. Händewaschen).
Bei beruflicher Exposition (Landwirtschaft, Labor, Schlachtung, Zoo, etc.): Schutzkleidung, Schutzhandschuhe, Hygiene, vom Arbeitsplatz getrennte Umkleidemöglichkeiten, Reinigung und Desinfektion des Arbeitsplatzes, Dekontamination der Schutzkleidung und strikte Trennung von Alltagskleidung, keine Nahrungs- und Genussmittel an Arbeitsplätzen mit Kontaminationsgefahr.
Weiterhin: Konsequente Nagerbekämpfung. Zootiere (z.B. Affen, Vögel) können geimpft werden.

Immunisation

Eine Impfung für den Menschen gibt es nicht.

Meldepflicht

Namentliche Meldepflicht (Infektionsschutzgesetz §7) bei Nachweis einer akuten Infektion.

Achtung

Klinischer Verdacht und pathologisch-anatomisches Bild sollten durch Erregernachweis und histologische Untersuchungen bestätigt werden.


Erstellt am 12.5.2015 - ©2002 DRTM/MTTS